Wachs   
home    
 
 
   
     
 
have a look…!
Inge Gutbrod im Bahnwärterhaus, Esslingen 1999

Katalogtext von Rainer Thomas

Ursprünglich Malerin und Zeichnerin im klassischen, der zweidimensionalen Fläche verpflichteten Sinn, tritt Gutbrod seit nunmehr mehreren Jahren mit dreidimensionalen, wesentlich aus Wachs bzw. Paraffin gefertigten Arbeiten an die Öffentlichkeit. Zu Beginn hatten diese Arbeiten noch Reliefcharakter, sind aber bald vollplastische und manchmal gar raumgreifende Gebilde geworden.

Diese vollplastischen Arbeiten sind in der Regel Hohlkörper in zwei unter­schiedlichen formalen Ausprägungen. Die einen sind rundlichen gefäßartigen Naturformen wie Nestern oder Fruchthülsen verwandt oder sind Paraphrasen von Vasen- und Flaschenformen, die anderen sind rechtwinklige, an Architektur orientierte begehbare Bauten im Innen- und Außenraum. Beide Arten, obwohl formal und vom technisch-handwerklichen Entstehungsprozeß her gesehen unterschiedlich - die eine Vorgehensweise, mit mittels Wärme formbar gemachtem Paraffin, ist keramischen Aufbautechniken ähnlich, die andere wird von der Zurichtung und Organisation fabrikgefertigter Paraffin­platten bestimmt -, sind Spielarten desselben Motivs: Behausungen für Wahrnehmung und Imagination. Und wie um dieses Motiv zu umschreiben, versammelt Inge Gutbrod ihre wächsernen GebiIde in Ausstellungen oft zu im Raum arrangierten Gruppen, gibt ihnen gleichsam ein Zuhause unter vielen Verwandten, wo ihnen Schutz geboten ist vor äußeren Einwirkungen wie vor der ihnen selbst eigenen Zerbrechlichkeit.

Vor allem die jüngeren plastischen Arbeiten sind regelrecht auf ihren Innen­raum hin ausgerichtet, der durch eine Öffnung, sei sie augengroßes Loch oder türgroße Aussparung, eingesehen bzw. betreten werden kann und soll. Die formgebende Außenwand, gerade so dick wie für die Stabilität nötig, ist dabei zwar physisch jeweils deutlich präsent, in ihrer milchigen Lichtdurchlässigkeit aber immateriell intendiert. Blickend oder schreitend die Außen- und Innenraum bestimmende und trennende Wand beiseite lassend, eröffnen sich schließlich unvorhergesehene Sensationen.

So besteht Gutbrods jüngste Arbeit aus mehreren hohlen, etwa globusgroßen Paraffinkugeln, die, jeweils zu zweien auf einem Metallgestell liegend, als weitläufiges Ensemble im Raum konzipiert sind. Deren eigentliches Leben offenbart sich mit dem verweilenden Blick durch ihre Sehöffnung ins Innere. Wo man nur Dunkelheit vermuten würde, steigen Licht und Farbe auf und ziehen uns in einen bodenlos weit geöffneten Raum hinein. Dieser Zauber gelingt, weil Gutbrod die Eigenschaften ihres weißlichen, lichtdurchlässigen Materials souverän einzusetzen und im Sinne ihrer künstlerischen Intention zu verwandeln weiß.

Dabei scheint mir, daß, immer wenn so die Materie als Licht einfangender und Licht lenkender und aussendender Formschleier tätig wird, Inge Gutbrod auch in ihren dreidimensionalen Arbeiten Malerin geblieben ist.

Das Dingliche selbst tritt gewichtiger in ihren Zeichnungen und Bildtafeln in Erscheinung. In den Zeichnungen etwa werden Gegenstandsformen der unmittelbaren Umgebung aufgegriffen und sich zeichnend anverwandelt; sie bilden den Anstoß für einen vielschichtigen Prozeß bildnerischen Denkens. Ihre Machart der übereinander gelagerten und einzeln bearbeiteten Transparent­papierschichten verweist darauf, daß Oberfläche und äußeres Gesicht der Erscheinungen nicht für das Ganze genommen werden können, daß sich hinter und unter allem eine tiefreichende Geschichte verbirgt, die es ans Licht zu bringen gilt.